… und was man daraus lernen kann. (Tocotronic)
Auf der Skala der unbeliebtesten Professoren dürfte gegenwärtig wohl Wolfram Ressel, der Rektor der Universität Stuttgart, unangefochten und allein auf weiter Flur die Spitzenposition einnehmen. Die Verkündigung seines „Masterplans” auf einer Pressekonferenz in der vorlesungsfreien Pfingstwoche brachte die Emotionen zum Kochen. Die geplante „Umwidmung” von insgesamt 24 Professuren (16 aus dem Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Bereich und 8 aus natur- und ingenieurswissenschaftlichen Bereichen) hätte zunächst zur Folge, dass die Geisteswissenschaften de facto abgeschafft würden, auch wenn ein Rumpfbestand erhalten bliebe, der lediglich dazu dienen würde, den formalen Status einer Volluniversität zu behalten. Wissenschaftliche Forschung und Lehre, die diesen Namen verdient, wäre durch eine solche Struktur in diesen Bereichen nicht mehr gegeben. Doch auch für die ingenieurs- und naturwissenschaftlichen Bereiche bedeutet der „Masterplan” herbe Einschnitte. Kein Wunder, dass ein Aufschrei durch die Universität und die Medien ging. Die Veröffentlichung des „Masterplans” war denn auch Öl in das Feuer der Vorbereitungen zum Bundesweiten Bildungsstreik in Stuttgart gegossen, Rektor Ressel avancierte blitzartig innerhalb der Studierendenschaft bald zu einem kleinen, persönlichen Hassobjekt. Diese starke, personifizierende Kritik an Rektor Ressel ist allerdings problematisch. Ressel selbst hat seine Entscheidungen mit den fehlenden finanziellen Mitteln begründet. Dass er aus diesen strukturellen Zwängen heraus den Weg des „Masterplans” beschreitet, hat Gegenstand der Kritik zu sein, da er sich nicht vor die Studierenden stellt und sich gegen die Finanzpolitik der Landesregierung wendet, sondern versucht auf Kosten der Wissenschaft und der Studierenden im Gehetze um die Fleischtöpfe der Exzellenzinitiative vorne mit zu mischen, koste es was es wolle. Aus diesem Grund ist die Forderung nach seinem Rücktritt legitim, da er nicht unsere Interessen vertritt, sondern diese mit Füßen tritt. Reduziert sich die Kritik allerdings auf die Person Wolfram Ressel unter Ausblendung der gesellschaftlichen Strukturen, in die sein Handeln eingebettet ist, so verkürzt sich die Kritik auf Personen, die aus inneren Antrieben heraus gut oder böse handeln. Bezogen auf zwei der allgemeinen Tendenzen im Bildungswesen, Ökonomisierung der Bildung und Implementierung des Konkurrenzdenkens, sind seine Vorschläge aber keineswegs irrational, sondern bedienen genau diese Entwicklungen und exekutieren den hegemonialen Zeitgeist. Das Phänomen Masterplan kann also nicht isoliert betrachtet werden, sondern die Bedingungen seiner Entwicklung müssen ins Zentrum der Kritik gestellt werden, auch wenn es zunächst darum geht, diese fatalen Pläne abzuwehren. Was wäre denn erreicht, wenn wir die jetzt vorliegenden Pläne abwehren und die katastrophalen Randbedingungen weiter bestehen würden? Der nächste Vorstoß aus dem Rektorat wäre früher oder später sicher. Es geht darum, in dieser Woche keine künstliche Trennung zwischen den Zielen des Bildungsstreiks und der Verhinderung des Masterplans herbeizuphantasieren. Der jetzige status quo ist für sich schon kritikwürdig. Trennung ist immer das Einfallstor der Macht, welche unsere politischen Regungen zu ersticken droht. Nur durch den Aufbau politischen Drucks ist es aber möglich, grundlegende Veränderungen zu erreichen. Die Abschaffung der Studiengebühren in Hessen hat dies gezeigt. Vielleicht bietet diese Woche den Auftakt dafür, dass sich wieder mehr Studierende für ihre Belange an der Universität eintreten und die Institution Universität mit ihren Strukturen und ihre gesellschaftliche Einbettung wieder zum Gegenstand ihrer Reflexionen machen. Allein damit wäre ein Quantensprung vollzogen.
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