Ein kleiner Ritt durch die Philosophie
Zum Beispiel die Welt verändern …
Wie kleine Kinder scheinen wir uns zuweilen zu streiten: Markt! – Staat! Sonne! – Atom! Hü – Hott! Wie lässt sich derart unproduktiven und unkooperativen Debatten begegnen? Ein Blick in die Geschichte der Philosophie offenbart: der Streit hat Tradition. Was ist gut, was gerecht? Bei Platon ist das Wahre auch das Gute und Schöne; und noch Hegel konnte im Natur- und Geschichtswissen einen Sinn erkennen; aber in den letzten 200 Jahren muss etwas geschehen sein, wenn Edmund Husserl in der „Krisis der europäischen Wissenschaften” schreibt: “Die ganze Weltanschauung des modernen Menschen, [die sich] von den positiven Wissenschaften bestimmen und von der ihr verdankten „prosperity” blenden ließ, bedeutete ein gleichgültiges Sichabkehren von den Fragen, die für ein echtes Menschentum die entscheidenden sind.[…] In unserer Lebensnot […] hat diese Wissenschaft uns nichts zu sagen”1. Bei Max Weber heißt es, die Frage, was als „wissenswert” zu betrachten sei, lasse sich nicht wiederum von den Wissenschaften beantworten. „Die Wissenschaf”, hier zitiert Weber Tolstoj, „ist sinnlos, weil sie auf die allein für uns wichtige Fragen: ‚Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?’ keine Antwort gibt.”2
Wissenschaft ohne Sinn?
Im Mittelalter der ersten Universitäten wurden Fächer gelehrt, die alle irgendwie um den Menschen geordnet waren: Medizin, Jura, Theologie. Es bestand ein klarer Bezug des Wissens auf ein Ziel: Harmonie. Mit sich, den anderen und Gott. Mit dem Aufkommen des naturwissenschaftlichen Weltbildes und deren Annahme einer objektiven, unabhängig vom Menschen existierenden Welt „da draußen” ging dieser Bezug verloren. Das von diesen (sich rasch vermehrenden) Fachdisziplinen produzierte Wissen war „zu allem bereit”. Es waren (erstmals) einfach Fakten. Was man damit machte, eine andere Frage. Das anwendungsunabhängige, objektive Wissen barg eine größere, „universelle” Anwendbarkeit in allen möglichen Kontexten. Aber um den Preis moralischer, lebenspraktisch vorgegebener und somit einschränkender Bindung. Wohl nicht zufällig ist das Erscheinungsjahr der Krisis-Schrift das Jahr 1935.
Ein Kampf um den Sinn?
Über Horkheimer, Adorno, die Kritische Theorie Habermas’ und den „Positivismusstreit” lässt sich die Problematik weiter verfolgen: Die Ambivalenz des wissenschaftlich-technischen Potentials, die drohende Verselbständigung, Eigengesetzlichkeit und angebliche Sachzwänge einer für die kapitalistische Wirtschaft zur Produktivkraft gewordene Wissenschaft, soll nun durch die kommunikativ sich organisierende politische Öffentlichkeit gebändigt werden: Eine „entschränkte Kommunikation über die Ziele der Lebenspraxis, gegen deren Thematisierung der Spätkapitalismus, auf eine entpolitisierte Öffentlichkeit strukturell angewiesen, sich allerdings resistent verhält. […] Das einzige Protestpotential, das sich durch erkennbare Interessen auf die neue Konfliktzone richtet, entsteht vorerst nur unter bestimmten Gruppen von Studenten und Schülern.”3
Politik gehört nicht in den Hörsaal!
Die Rolle der Hochschulen und mögliche organisatorische Antworten angesichts dieser gesellschaftlichen Lage thematisiert Habermas besonders in seinen Reden der 60er Jahre: Es gäbe keine Königsdisziplin im Sinne einer Einheitswissenschaft „Philosophie” mehr. Die Geisteswissenschaften dürften sich aber nicht die Rolle des rein äußerlichen Surrogats übernehmen: „Unter gegenwärtigen Verhältnissen kann die Autonomie der Wissenschaft nur gewahrt werden, wenn alle am Lehr- und Forschungsprozeß Beteiligten auch an der Selbstreflexion der Wissenschaften teilnehmen – mit dem Ziel, unvermeidliche Abhängigkeiten zu reflektieren und die gesellschaftlichen Funktionen der Wissenschaft im Bewusstsein politischer Verantwortung für Folgen und Nebenfolgen explizit zu machen.”4 Aber (Max Weber): „Politik gehört nicht in den Hörsaal!”5 Die Wissenschaft kann und soll nur möglichst sachlich die den Stand der Forschung, Folgen und Nebenfolgen, Chancen und Risiken möglicher Anwendungen beschreiben, entscheiden muss die politische Öffentlichkeit.
Ein Kampf um Freiheit?
Dagegen lässt sich eine andere Tradition, die im Gegenteil: den Sinn, bzw. die Möglichkeit einen solchen zu erkennen vehement bekämpft, ausmachen. Die Rede ist von Sir Raimund Popper und den neoliberalen Vordenker Ludwig von Mises, August von Hayek u.a. Popper wendete sich explizit gegen Platon, Hegel und den Linkshegelianer Karl Marx6 und seine polemisch geäußerte Furcht vor einer totalitären Staatsmacht, die im (Allein-)Besitz der Vernunft sich wähnen müsse, befeuerte die Staatsphopie, deren Folgen sich die meisten erst langsam, die Augen oder den Hintern reibend gewahr werden. Nun sind wir vom Feld der (Natur-) Wissenschaft zu dem der Wirtschafts- also Sozialwissenschaft gewechselt, deren Wahrheitskriterien noch viel problematischer sind.
Wie Wahrheit des Neoliberalismus?
Man kann den Neoliberalen insofern recht geben, als eine wissenschaftliche Erkenntnis menschlichen Sinns unmöglich ist; und somit auch eine Staatsführung eines „wissenschaftlichen Sozialismus”. Der Sinn (etwa Bedürfnis und Wert eines Menschen) lässt sich nicht berechnen, wie etwa die Eigenschaften und Zustände physischer Objekte. Aber der Schluss jeglicher Unmöglichkeit der Aushandlung geht fehl. Wenn sich menschliche Befindlichkeiten in Literatur, etwa Flugblättern äußert, so ist der darin sich äußernde Sinn schwer mathematisierbar, messbar. Aber vielleicht doch eine grundlegende Handlungsweise menschlichen Zusammenlebens, in Staaten mit Märkten, Unis, usw. usf.
Sind wir jetzt alle links geworden?
Nun sind es nicht die Marxisten, die Forderungen nach kollektiven Gestaltung der Welt fordern. So weisen Wirtschaftssoziologen, wie Jens Beckert7 auf die notwendige soziale Grundlage der Wirtschaft hin, etwa gegenseitiges Vertrauen in Bezug auf das Zustandekommen von Kaufverträgen oder die Anerkennung der Wirtschaftsordnung als einer Gerechten. Das Problem des mit der Globalisierung verbundenen Drucks auf die Löhne sieht er in einem Weltsozialstaat zwar theoretisch gelöst, dessen Realisierung sei aber sehr unwahrscheinlich.8 Ähnlich Ulrich Beck, der in einer Weltzivilgesellschaft, bzw. in einem globalen Vertrag eine mögliche Perspektive, eine Gegenmacht zur globalen Kapitalmacht sieht.9 Und in der Stuttgarter Zeitung forderte Hans-Jürgen Papier, Präsident des Bundesverfassungsgerichts anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Bundesrepublik und ihres Grundgesetzes eine „Stärkung der parlamentarischen Demokratie”, angesichts zunehmend intransparenter Ökonomisierung eine „Anpassung des Grundgesetzes in seinen Kernbereichen (etwa Machtbalance und Gewaltenteilung) an die Herausforderungen der Gegenwart”10
Fußnoten
1 Husserl, Edmund (1962): Die Krisis der europäischen Wissenschaft und die transzendentale Phänomenologie, S. 4 2 Weber, Max (1922): Wissenschaft als Beruf. In Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre S. 540f. 3 Habermas, Jürgen (1979): Technik und Wissenschaft als „Ideologie”, Suhrkamp, S. 100 4 Habermas, Jürgen (1981): Demokratisierung der Hochschule – Politisierung der Wissenschaft? (1969) In : Kleine politische Schriften I-IV, Suhrkamp, S. 194 5 Weber, Max a.a.O. S. 542 6 Popper, S. Raimund, (1981): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, UTB 7 Beckert, Jens ( 2006): Wer zähmt den Kapitalismus? Online:<www.mpifg.de/people/jb1/downloads/2006_Wer_zaehmt_Kapitalismus.pdf> 8 Ebd. S. 435 9 Beck, Ulrich (2005): Was zur Wahl steht, Suhrkamp, S. 122f. 10 Stuttgarter Zeitung: 23. Mai 2009 S.1
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