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Streikzeitungs Archiv Montag - 15.06.2009 Streik im Erziehungswesen
Streik im Erziehungswesen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Wolfram Klein   
Mittwoch, den 29. Juli 2009 um 16:50 Uhr

Heute schon auswendig gelernt?

Seit Mai streiken die ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen in Stuttgart und bundesweit.
In Stuttgart gab es am 6. Mai einen ganztägigen Warnstreik. In der folgenden Woche gab es eine Urabstimmung, bei der sich bundesweit 89,9% der ver.di-Mitglieder und 93% der GEW-Mitglieder für einen unbefristeten Streik aussprachen. Um die Belastung für die Eltern zu begrenzen, hat ver.di in der Region Stuttgart bisher immer nur 1 oder 2 Tage am Stück gestreikt und die Eltern frühzeitig informiert (am 18., 26. und 27. Mai, am 9. und 10. Juni). Jetzt in der Bildungsstreikwoche geht der Streik erstmals 3 Tage am Stück. Am Montag (heute) fahren viele ErzieherInnen zu einer bundesweiten Demonstration nach Köln. Am Mittwoch werden sie gemeinsam mit SchülerInnen und Studierenden, mit Eltern etc. die Bildungsstreik-Demonstration machen.
Meistens treffen sich die Streikenden aus Stuttgart und der Region vormittags im Stuttgarter Gewerkschaftshaus (ganz in der Nähe der Uni Stadtmitte!), wo gegen 10.00 Uhr eine Streikversammlung stattfindet, auf der über die aktuelle Situation berichtet und diskutiert wird. Dort wurde auch schon seit Wochen auf den gemeinsamen Streik am 17. Juni hingewiesen. Im Anschluss findet meist ein Demonstrationszug durch die Innenstadt statt, an dem teils mehrere Tausend Streikende teilnahmen (z.B. am 10. Juni).
Der Aufhänger des Streiks ist der Gesundheitsschutz. ErzieherInnen müssen oft einen unbeschreiblichen Lärm ertragen – bis zu 117 Dezibel (als würde in 100m Entfernung ein Flugzeug starten). Viele haben nur Sitze zur Verfügung, die für kleine Kinder gedacht sind. Dazu kommen noch Stress und psychische Belastungen. 80% können sich nicht vorstellen, diese Arbeit bis zur Rente zu machen. Ein weiteres Motiv für die ErzieherInnen ist die Bezahlung. Seit 2005 gibt es einen neuen grundlegenden Tarifvertrag (TVöD, Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes, statt dem früheren BAT (Bundesangestelltentarifvertrag). Deshalb müssen grundlegende Dinge neu geklärt werden, unter anderem die Eingruppierung der ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen. Wenn es nach dem Willen der Arbeiteber geht, bekommen viele ErzieherInnen, die neu eingestellt werden oder ihre Arbeitsstelle wechseln, ein Gehalt auf dem Niveau von 1991!
Natürlich richtet sich der Streik nicht gegen die Eltern oder die gar Kinder in den Kitas. ElternvertreterInnen haben wiederholt ihre Unterstützung für die Ziele des Streiks erklärt, auch wenn sie über das Mittel nicht glücklich sind. Aber gibt es ein anderes? Am 28. 4. stand in der Stuttgarter Zeitung, dass in Stuttgart 109 ErzieherInnen-Stellen nicht besetzt werden können. Was ist besser: wenn 109 ErzieherInnen 365 Tage im Jahr fehlen, weil nicht genug Leute eine so belastende Arbeit für so wenig Geld machen wollen, oder wenn ein paar Tausend ErzieherInnen ein paar Tage fehlen, um eine Änderung dieser Zustände durchzusetzen?
Der Streik der ErzieherInnen ist auch eine gesellschaftliche Auseinandersetzung. Immer wieder wurde darauf  hingewiesen, dass die Erziehung und Bildung von Menschen nicht weniger wichtig ist als das Zusammenmontieren von Autos und deshalb nicht schlechter bezahlt werden darf. Das zeigt, dass die Streiks der SchülerInnen und Studierenden und der ErzieherInnen am 17. Juni nicht nur terminlich zusammenfallen, sondern auch inhaltlich zusammengehören. Es geht um den Stellenwert von Bildung in unserer Gesellschaft.
Und es wurde immer wieder angeprangert, dass die schlechte Bezahlung damit zusammenhängt, dass in diesem Bereich überwiegend Frauen arbeiten, und gefordert, dass die antiquierte Vorstellung, wonach der Mann der Haupternährer der Familie ist und die Frau nur ein Zubrot verdient, endlich überwunden werden muss – und die Missachtung von Bereichen mit einem hohen Frauenanteil erleben wir als Studierende ja gerade auch mit Ressels “Masterplan”.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 29. Juli 2009 um 17:57 Uhr
 

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