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Gastkommentar von Lena Spohn, Aktivistin im SchülerInnenaktions-komitee

November 2008 - 100. 000 Schüler gehen bundesweit auf die Straße, um ihrer Wut und ihrem Unmut über das aktuelle Schulsystem Luft zu machen. Nachdem sich einige Jahre lang im Bildungsbereich im Bezug auf Proteste wenig getan hat, kam diese enorm hohe Beteiligung überraschend. Die Tatsache, dass es innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums (zumindest was die Mobilisierung für den Schülerstreik in Stuttgart angeht) gelungen ist so viele Schüler von Sinn und Notwendigkeit eines solchen Streiks zu überzeugen, spricht für ein ungeheures Protestpotential - dafür, dass es erstaunlich schnell gelingen kann die unterschwellige Unzufriedenheit mit der Art der Wissensvermittlung, den Lernbedingungen, in effektive „Kampfkraft” umzumünzen. Diese Unzufriedenheit mit der jeder Schüler täglich individuell umgeht, sei es in Form von Schule schwänzen, dem irrationalen Hass auf Lehrerfiguren, Verweigerung von Hausaufgaben oder Unaufmerksamkeit im Unterricht galt es im Vorfeld des Schülerstreiks mit kleiner angelegten Protestaktionen, wie Kundgebungen, Straßentheater, vor allem aber in kontinuierlicher inhaltlicher Arbeit an den Schulen selbst, aufzugreifen, zu bündeln, sodass aus der diffusen, individuellen Verweigerungshaltung eine bundesweit gemeinsame, zielgerichtete Aktion mit klar formulierten Forderungen wurde, die in der Bildungsstreikwoche jetzt eine erweiterte Fortsetzung erfährt. Das Potential, das der Schülerstreik offen gelegt hat, hat die Studenten ein Stück weit ermutigt erneut aktiv zu werden und sich zu wehren, während die Entscheidung der Studenten Seite an Seite mit den Schülern zu protestieren den Horizont der aktiven Schüler dahingehend erweitert, dass erkannt wird: der Notstand im Schulsystem ist eine Erscheinung, die nur eingebettet in den Kontext des gesamten Bildungssystems angemessen erfasst werden kann. Die Forderungen, die die Schüler aufgestellt haben - kleinere Klassen, mehr Lehrer, Rücknahme der G8- Reform, die Unabhängigkeit der Bildung von der sozialen Herkunft, die Entschärfung des enormen und erstickenden Leistungs- und Konkurrenzdrucks - finden in den Forderungen der Studenten beinahe 1:1 ihre Entsprechung - Beide Bereiche zusammengenommen, ergibt sich ein schärferes Bild des Charakters unseres Bildungssystems und dessen Funktion innerhalb der Gesellschaft. Denn sowohl in der Schule als auch an der Uni geht es offensichtlich nicht um solide Wissensvermittlung im Hinblick auf unsere persönliche Entfaltung, Eigenständigkeit, Unabhängigkeit oder Kritikfähigkeit. Mit der G8 Reform und der Umstellung auf Bachelor und Master an den Unis beispielsweise wird uns weniger und weniger Zeit zugestanden uns zu bilden. Durch den daraus resultierenden permanenten Zeit- und Leistungsdruck fehlt uns der Freiraum uns selbst weiter zu entwickeln - unsere Hobbys zu pflegen, politisch aktiv zu sein, unsere Zeit frei zu gestalten. Unser Recht auf Selbstbestimmung wird uns dadurch im täglichen Leben weitestgehend genommen. Auf diese Art wird es für uns immer schwieriger kritisch und unabhängig zu denken. Der straffe Stundenplan zwingt uns unsere Freizeit durchzurationalisieren - Zeit für die Beschäftigung mit Themen, die nicht im Lehrplan stehen steht uns kaum zur Verfügung und für gute Noten in Klassenarbeiten, Klausuren und Prüfungen ist vor allem auswendig lernen und nicht kritisches Denken gefragt. Das Bildungssystem ist als direkte Vorbereitung auf die spätere Verwertbarkeit unserer angelernten Fähigkeiten Berufsleben angelegt - die Bildung ist also zur bloßen AUSbildung im Hinblick auf die Rolle geworden, die wir später in der Gesellschaft - nicht nur am Arbeitsplatz - spielen sollen. Anhand dieser Tatsachen wird deutlich: wir sollen nicht die Gesellschaft verändern oder verbessern wir sollen in ihr funktionieren - das System, in dem wir leben täglich reproduzieren! Schule und Uni mögen v. a. uns Schülern auf den ersten Blick zwar als zwei getrennte Lebens- und Lernbereiche mit jeweils eigenen spezifischen Problemen erscheinen, dafür wird auf den zweiten Blick klar: wir sind im Grunde exakt denselben Zwängen unterworfen, sehen uns mit den gleichen „Bildungsblockaden” konfrontiert und haben im Hinblick auf unsere persönliche Perspektive nach der Ausbildung/Studium mit genau denselben Problemen, Hindernissen und Schwierigkeiten zu kämpfen. Es hilft also nur, an einem Strang zu ziehen, von einander zu lernen, sich zusammenzuschließen, sich nicht unterkriegen zu lassen und die gemeinsame Basis kontinuierlich zu verbreitern!
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