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Eigentlich ist der ganze Spuk schon vorbei als ich ankomme. Ich bin in Unterlüß(*), Niedersachsen, um Wilfried Manneke, Pastor der hiesigen ev.-luth. Gemeinde, zu treffen. Vor zweieinhalb Wochen besetzten Neonazis im Nachbarort Faßberg das Landhaus Gerhus(*), Manneke hat sich seitdem mit Anwohnern dagegen engagiert. Doch einen Tag bevor ich dort bin, gibt das Landgericht Lüneburg einer Einstweiligen Verfügung auf Räumung statt.

Trotzdem fahre ich auf dem Weg nach Hamburg in Unterlüß vorbei und bleibe gut neunzig Minuten zum Gespräch. Manneke hat mit den Bürgern vor dem Hotel die täglichen Mahnwachen gehalten; anfangs noch mit 12 Leuten, zuletzt mit 350 Bürgern aus den umliegenden Dörfern. Eine gemischte Gruppe von Anwohnern, Politikern, aber auch Polizisten und Soldaten stand jeden Mittag dort, von den Nazis durch die ständig präsente Polizei getrennt.
Rassismus in der Region
Manneke lebte lange in Südafrika und hat dort wie hier Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Bereits 1978 entstand das rechte Schulungszentrum „Hetendorf 13(*)“, nur wenige Kilometer von Unterlüß entfernt. Wie auch die aktuelle Besetzung wurde „Hetendorf 13“ unter der Verantwortung des Holocaust-Leugners Jürgen Rieger(*) errichtet. Die inzwischen verbotene „Wiking-Jugend(*) “ feierte hier Sonennwendfeiern, hielt Fackelzüge im Gleichschritt ab und bot einen zentralen Anlaufpunkt für die norddeutsche Neonazi-Szene. 1997 wurde die Nutzung nach langen Protesten schließlich verboten.
1999 wurde im nahen Eschede Peter Deutschmann(*) von zwei jungen Nazis ermordet. Nachdem Deutschmann in einer Kneipe die beiden kennen gelernt hatte, folgten sie ihm nach Hause, brachen ein, zerrten ihn aus dem Bett und traten auf ihn ein bis er tot war. Manneke sprach nachher mit den Eltern eines Täters und hält bis heute Kontakt.
Nach der Auflösung von „Hetendorf 13“ entstanden offene Konflikte zwischen Neonazis und Spätaussiedlern in der Region. An der Schule traten nun einige uniformiert mit Glatze, Bomberjacken und Springerstiefeln auf. Sie malten Jüngeren Hakenkreuze auf die Hände, die Gewalt zwischen Jugendlichen nahm zu. Daraufhin wurde ein Runder Tisch von Schulen, kommunaler Politik, Polizei, betroffenen Eltern und Kirchen ins Leben gerufen.
In Gesprächen mit den jungen Neonazis wurde immer wieder festgestellt, wie wenig Wissen über die Ansichten, Ziele und Methoden der Nazis im Dritten Reich vorhanden war – trotz der häufigen Behandlung in der Schule. Es wurden Antiaggressionstrainings(*) durchgeführt, Aufklärung am Beispiel der Apartheid in Südafrika betrieben(*) (mit Reflexion zum Nationalsozialismus) und der Lehrplan verändert. 2001 erhielt die Schule den Titel „Schule ohne Rassismus“, Wilfried Manneke schreibt zu diesem Anlass:
„Verständnis füreinander, Toleranz miteinander, Rücksicht aufeinander haben zugenommen. […] Das Klima in der Schule, im Jugendtreff und in der kirchlichen Jugendarbeit ist somit friedlicher geworden. Der Aufwand der letzten Jahre hat sich also gelohnt.“
Hausbesetzung im Juli
Am 17.07.2009 jedoch bohren Neonazis im Auftrag von Hamburgs NPD-Vorsitzenden Jürgen Rieger die Schlösser des Landhaus Gerhus auf, dessen Pächter er angeblich sein soll. Der Pachtvertrag, der laut Zwangsverwalter Jens Wilhelm vermutlich vordatiert sei, sieht eine sittenwidrige (weil zu niedrige) Monatsmiete von 600 Euro vor und wird demnächst juristisch untersucht(*).
Die Besetzung in Faßberg zog schnell Aufmerksamkeit der Bürger, aber auch der lokalen Politik auf sich. Zunächst protestierten nur die unmittelbaren Anwohner der 50-Seelen-Gemeinden Gerdehaus(*) und Niederohe(*), doch in den kommenden Tagen schlossen sich sukzessive immer mehr Menschen aus der Region an.
Eine von Pastor Manneke an die Gemeindemitglieder verschickte Infomail kopierte die Orts-SPD zweitausendmal und verteilte sie zusammen mit einer Zahnbürste (Slogan: „Szene putzen, sonst werden sie braun!“) an alle Haushalte. Auch die CDU und die Grünen beteiligten sich an den Mahnwachen.
Besetzer und Demonstranten kannten sich häufig persönlich, umso heftiger war die Erfahrung, mit aggressiven Neo-Nazis unmittelbar in der eigenen Region konfrontiert zu sein. Auch Herr Manneke erkannte einen der Besetzer und bot Gespräche auf „neutralem Boden“ an, doch der lehnte ab. Ein Geschichtslehrer stand seinem ehemaligen Schüler gegenüber; einmal rief eine Frau: „Thomas, kannst du deiner Mutter denn nur Ärger machen?!“. Man kennt sich auf dem Dorf nunmal...
Am 04.08.2009 stimmte das Landgericht Lüneburg schließlich der Einstweiligen Verfügung zur Räumung zu, noch am gleichen Tag wurde das Haus „freiwillig“ verlassen(*). Morgens hatte die Polizei nach wiederholten Schussgeräuschen bereits eine Razzia durchgeführt und minderjährige Besetzer gleich mitgenommen(*).
Doch mit der Räumung ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, eine Entscheidung über die Gültigkeit des Pachtvertrags steht noch an. Aber zunächst wurde zumindest die willkürliche Inbesitznahme beendet und eine ganze Region gegen Rechtsradikalismus mobilisiert. Doch weitere Häuser(*) in Niedersachsen sind noch im Besitz Riegers. Ähnliche Vorgänge gab und gibt es daher u.a. in Dörverden, Delmenhorst und meiner Heimatstadt Hameln.
Pastor Manneke hat auf den Mahnwachen über 200 Mailadressen gesammelt. Für den Fall, dass es neue Aktionen geben sollte, sind die Anwohner vernetzt und bereit, schnell zu reagieren.
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